Sabine liegt meistens im Bett. Doch wenn sie den Blick durch ihr Zimmer schweifen lässt, werden Erinnerungen wach. Ein Dutzend von zahllosen weiteren Medaillen hängen in einer Reihe, daneben ein gerahmter Zeitungsartikel mit Schwarz-Weiß-Bild von der Sportlergala mit Rekordboxer Henry Maske und Formel 1-Champion Michael Schumacher. „Sendener Sportler plauschen mit Schumacher und Maske“, heißt es dort. Eine dieser Sportlerinnen: Sabine.
Diskus, Speer, 100 und 200 Meter im Rollstuhl - das war Sabines Leben. Sie war Sportlerin mit Leib und Seele, reiste durch ganz Deutschland und darüber hinaus zu Wettkämpfen, gewann Medaillen, freute sich über Erfolge.

Das war einmal. Heute ist Sabine 59 Jahre alt, liegt im Pflegeheim, bewegt sich und spricht kaum noch. Und doch ist die Erinnerung präsent, nicht nur in Fotos und Zeitungsartikeln, sondern auch in Erzählungen von Sabines Mutter Lydia. Sie ist 85 und lebt ein paar Stockwerke über ihrer Tochter im Bereich für Altenpflege.
Wendepunkt im Alter von sieben
Sabine wurde mit einer Gefäßmissbildung im Gehirn geboren, die jahrelang unbemerkt blieb - bis sie im Alter von sieben Jahren mit der Familie einen Friedhof in Ulm besuchte. „Sie hat Kopfweh bekommen und ist einfach umgefallen“, erinnert sich Lydia. Das fehlgebildete Gefäß blutete aus, wochenlang war sie bewusstlos. Ein Schock für die Familie. Zunächst wurde Sabine in Günzburg behandelt, ein Professor vermittelte sie an einen Spezialisten in Zürich. Zwei Wochen nach der Blutung operierte er Sabine, öffnete ihren Schädel, damit der gefährliche Druck im Hirn wich. Mit Erfolg. Sabine würde weiterleben, nur gehen würde sie nie wieder können. Sie war querschnittsgelähmt. „Sie hat den Rollstuhl schneller als ich akzeptiert“, erinnert ihre Mutter.
Die Chance
Aufgeben war für Sabine keine Option. Sie wollte ein aktives Leben führen - soweit sie eben konnte. Von der Körperbehindertenschule Ulm, die sie nach der Hirnblutung besuchte, wechselte sie nach Senden im Kreis Neu-Ulm: eine Behindertenwerkstatt mit Wohnheim. Hier gab es nicht nur andere junge Leute, sondern auch eine Chance: in der Behindertensportgruppe des TV Senden-Ay konnte sie Sport treiben und an Wettkämpfen und Meisterschaften teilnehmen. Fünf Menschen mit Behinderung aus Senden durften bei dem Programm mitmachen. Eine Sportlehrerin trainierte sie intensiv, die Stadt Senden, das Landratsamt und der Sportverein unterstützten bei den Reisekosten. Am Wochenende war Sabine fortan auf Wettkampf, immer woanders. Rottweil, Kassel, gar bis Nottingham in England reiste sie. Und dann Ehrungen beim Landrat, ein Fairplay-Preis. Letzteren bekam die Behindertensportgruppe Senden, da sie auf eine weitere Reise nach England verzichtete, weil nicht alle mitkonnten. Das Motto der Gruppe: „Miteinander - nicht gegeneinander.“ Den Preis überreichte Ex-Fecht-Olympiasieger Thomas Bach, der später Präsident des Internationalen Olympischen Komitees wurde.
Sabine und der Bundespräsident
Die schönste Erinnerung jedoch: jene Sportlergala mit Henry Maske, Michael Schumacher und Horst Köhler, damals noch Sparkassen-Präsident, später Bundespräsident. „Er hat selbst eine blinde Tochter und sprach an dem Abend intensiv mit mir“, erinnert sich Lydia. Sabine selbst sei zufrieden, teils gar glückselig gewesen, obwohl sie unter ärmlichen Zuständen übernachten musste. In Hallen oder Zelten, im Liegestuhl. „Ich bin froh, dass sie mir das nie gesagt haben“, sagt Lydia. Als sie es letztlich erfahren habe, sei sie geschockt gewesen.
Wobei Sabine laut Lydia gar nicht anders konnte, als Sport zu treiben. „Sie musste, sie musste, sie musste.“ Auch weil Wettkämpfe sie ablenkten von Schmerzen und Operationen im Krankenhaus, von denen sie zahlreiche miterleben musste.
Ein abenteuerlicher Urlaub
Irgendwann empfahl ein Arzt zur Genesung von Sabine einen Wechsel des Klimas: „Das Mädchen braucht eine frühlingshafte Luft. Sie sollten Urlaub auf Mallorca machen.“ Ein Erlebnis für Mutter und Tochter, das mit einer Überraschung begann. Im Flugzeug trafen sie junge Stuttgarter Sportler, die sogar im selben Hotel untergebracht waren und die die zwei überall hinfuhren. Lydia lächelt, wenn sie daran zurückdenkt.

Oft improvisierte Lydia, damit ihre Tochter etwa überhaupt in den Hotelpool oder die Badewanne kam. Auch zu Hause war immer wieder Kreativität gefragt, zum Beispiel weil das Donaubad in Ulm nicht barrierefrei war: Die Bademeisterin legte Sabine in eine Art Schubkarre, um sie ins Wasser zu befördern.
Sabines Sportlerlaufbahn war vorbei, als ihr bei einer Operation ein Schlauch in den Bauch gelegt wurde. Der Arzt verordnete: kein Sport mehr. Vorbei war das Training, die Reisen, die Wettkämpfe.
Vor vier Jahren hatte sie zudem einen Schlaganfall, wodurch seitdem nicht nur der ganze Unterleib gelähmt ist, sondern auch die rechte Hand. Lange war sie immerhin geistig fit, zuletzt habe sie jedoch abgebaut, sagt die Mutter. „Sie braucht eine intensive Pflege, liegt meist im Bett.“
Was hilft...
Wie man mit solchen schwierigen Situationen umgeht, darauf hat Lydia eine klare Antwort: „Ich bin ein Mensch. Ich nehme es so, wie es kommt.“ Jahrzehntelang arbeitete sie als Verkäuferin in einem Schuhgeschäft. Der Kontakt mit Kunden und Kolleginnen habe ihr geholfen. „Man legt das Problem hinten in den Kopf. Und dann lässt man sich lange Zeit, um das zu verdauen.“
Auch der Rest der Familie blieb nicht von Schicksalsschlägen verschont. Lydias Mann, Sabines Stiefvater, der Polizist war und sich auch intensiv kümmerte, verstarb im Jahr 2018 an Speicheldrüsenkrebs. Sabines leiblicher Vater und Lydia hatten sich bereits vor Jahrzehnten scheiden lassen.
Wenn sich also die Gesundheit verschlechtert, geliebte Menschen versterben… was bleibt dann noch?
Die Erinnerung.
Außerhalb von Sabines Zimmer wird sie ebenfalls wachgehalten. Ihr alter Rennrollstuhl hängt heute in der Werkstatt in Senden. Und auch wenn Sabine nur noch wenig spricht, zeigt sich jene Erinnerung wohl am stärksten in ihrem Gesicht: Wenn man Meisterschaften und Ehrungen erwähnt, fangen Sabines blaue Augen auch heute noch an zu leuchten.
Die Geschichte hinter der Geschichte
Sabine habe ich vor zwei Jahren kennen gelernt, als ich Maximilian einen Tag lang begleitete, der ebenfalls auf der Station für Schwerstpflege in Friedrichshafen liegt. Damals pendelte Lydia noch jeden Tag von Ulm nach Friedrichshafen. Beim Sommerfest des Pflegeheims saßen wir draußen - Max, seine Mutter Martina, Lydia, Sabine und ich. Während der Duft von gegrillten Würstchen zu unserem Tisch hinüberzog, sprachen wir über ihre Begeisterung für den Sport.
Diesmal traf ich Sabine einer deutlich weniger belebten Umgebung, ihrem Zimmer. Hier besucht sie täglich ihre Mutter und donnerstags Christa, eine Freiwillige aus China.

Weil es schwierig war mit Sabine direkt zu sprechen, verließ ich mich auf die Antworten von Lydia, die ihre Tochter ein Leben lang begleitet hat.
Heute träumt Sabine nicht mehr von großen Reisen. Sie würde sich freuen, einmal einen kleinen Ausflug zu machen und mit der Fähre auf die andere Seite des Bodensee nach Konstanz zu fahren. Lydia sagt: „Sie ist immer bescheiden geblieben und das ist ein Glück.“
